Vince Staples – Summertime ’16

Vince Staples kommt aus der Hood: Schon sein Vater war Gang-Banger und auch er selbst blickt auf eine Vergangenheit als Gangmitglied zurück. Was wohl kaum anders geht, wenn man als Schwarzer in Long Beach auf die Welt kommt und dann in Compton aufwächst.

RS22743_Vince_press_2015

Das hielt diesen jungen Mann aber nicht davon ab, eine klassische Erfolgsgeschichte zu schreiben. Nach diversen Mixtapes, EPs und Gastversen auf unterschiedlichsten Odd-Future-Werken folgte mit dem meisterhaften Debütalbum Summertime ’06 dann auch endlich der wohlverdiente internationale Durchbruch. Jetzt steht Vince Staples bei Def Jam unter Vertrag und spielt auf den großen Bühnen dieser Welt.

Man könnte meinen, dass er deswegen nicht mehr viel zu erzählen hat – jetzt, wo die Probleme seiner Vergangenheit weit hinter ihm liegen. Aber wer glaubt, Vince Staples habe den Biss verloren, wird auf seiner neuer EP Prima Donna eines Besseren belehrt. Und zwar auf die harte Tour. Ja, dieser Mann hat es geschafft und gilt als einer der besten Rapper unserer Zeit. Aber das heißt nicht, dass er dadurch seine Vergangenheit, seine Ängste, seine Beobachtungsgabe und seinen Intellekt eingebüßt hätte. Ganz im Gegenteil: Vince Staples legt seine Finger immer noch treffsicher in haufenweise offen klaffende Wunden. Wobei es überhaupt keine Rolle spielt, ob das seine eigenen oder die der Gesellschaft sind.

RS22742_TRUAX_VINCESTAPLES_INOFFICE-75_RETOUCHED

Prima Donna beginnt damit, dass wir hören, wie eine Kassette eingelegt und der Aufnahmeknopf gedrückt wird. Dann singt Vince Staples das Kinderlied This little light of mine, bis sein genuschelter Vortrag jäh von einem Schuss unterbrochen wird: Willkommen in der Welt von Vince Staples, in der die Gewalt allgegenwärtig ist und gefühlt jederzeit über einen jungen Mann hereinbrechen kann. Insbesondere wenn seine Hautfarbe nicht weiß ist und er in den USA zwischen Gang-Bangern aufwächst. Aber eben ganz explizit auch dann noch, wenn er die Hood längst hinter sich gelassen hat und völlig allein in seinem Hotelzimmer sitzt. In den Spiegel starrend, eine geladene Waffe in den Händen und darüber sinnierend, die Wand mit seinem Gehirn zu verzieren. Bis das Zimmermädchen klopft:

„Housekeeping keep knocking on my door though /
Don’t she know I’m staring in the mirror with a 44 /
Tryna get my head straight/She tryna get the bed straight/
No room to think/Kaboom on the sink“

Vince Staples lotet also immer noch tiefste Abgründe aus und geht dabei ebenso schonungslos wie gewissenhaft vor: Aber durch all die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit schimmert auch das Gegenteil durch. Denn dieser junge Mann benennt die Missstände unserer heutigen Gesellschaft, hält ihr den Spiegel vor, zerrt sie gnadenlos ins Rampenlicht und stellt sie an den Pranger. Wo Summertime ’06 sehr persönlich und punktuell war, zoomt Prima Donna noch ein Stück weiter raus, um das große Ganze abzubilden. Vince Staples sieht nämlich nicht nur genau, welche Probleme existieren und wo diese liegen, sondern bringt auch die nötige Energie und Wut mit, etwas dagegen zu unternehmen.

RS22744_Vince_Staples_Senorita

Das Spiel mit den ambivalenten Gefühlen funktioniert allerdings nicht nur inhaltlich ganz vorzüglich, sondern auch musikalisch. Egal ob von Mac Millers Alter Ego Larry Fisherman, von James Blake oder der Def Jam-Ikone No I.D. produziert: Vince Staples beweist ein äußert geschicktes Händchen bei der Wahl seiner unorthodoxen Beats.

So blickt er nicht nur schon in jungen Jahren auf eine äußerst eindrucksvolle sowie umfangreiche Biografie zurück, sondern macht außerdem klar, dass wir auch in Zukunft noch Großes von ihm erwarten können.

Text: David Molke

SPRICH MIT UNS

Please enter your comment!
Please enter your name here